Ghosts of Trauma
 

Diplomaustellung, AdbK München, Deutschland


«The artist is a painting insane with the spectacle of its phantoms [...]
symbols of the world’s tragedy in an ill soul.»
Pier Paolo Pasolini



„Ghosts of Trauma“ sind keine abgeschlossenen Erinnerungen, sondern fortwirkende Spuren. Sie drängen sich nicht immer bewusst auf, sondern zeigen sich leise – als Angst, als körperlicher Schmerz, als ungerufenes Bild oder Gefühl. Es sind Überreste vergangener Verletzungen, die im Gegenwärtigen weiterleben und den Körper wie auch die Beziehung zur Welt prägen.

In jedem von uns existieren solche Spuren von Wunden, auch jene, die vergessen oder verdrängt wurden. Sie verschwinden nicht, sondern bleiben als feine Einschreibungen bestehen. Durch sie verändern wir uns – und mit uns verändert sich die Welt.

Wie aber kann das Unfassbare, das Vergessene, zu einem Ort der Begegnung werden?
In der Kunst geschieht diese Annäherung. Sie hält das Trauma in Andeutungen, Fragmenten und Schweigen. Der künstlerische Ausdruck trägt das Eigene in sich, gefiltert durch Erlebtes und Verdrängtes, und öffnet einen Raum, in dem im Anderen etwas zu schwingen beginnt. 
Nicht als Wiederholung des Traumas, sondern als mitfühlende Resonanz.

So wird Kunst zu einem relationalen Raum des Mit-Seins. Wir begegnen dem Schmerz des Anderen, ohne ihn zu besitzen oder zu erklären. Die Betrachtenden sind nicht außenstehend, sondern treten in eine fragile Beziehung zum Leiden anderer ein. Dieses Dabeisein verlangt keine Antworten, sondern Offenheit und Mitgefühl. Es ist ein stilles Zeugnis, das respektiert, was sich nicht vollständig sagen lässt.

In dieser vorsichtigen Zeugenschaft – im gemeinsamen Aushalten von Verletzlichkeit – entsteht Schönheit, dort wo Schmerz nicht erklärt oder gezeigt werden muss, sondern vorsichtig mitklingt. Sie liegt nicht im Sichtbaren allein, sondern im Zwischenraum: dort, wo sich Blicke kreuzen, wo jede Wahrnehmung anders bleibt und dennoch verbunden ist. Kunst lässt uns fühlen, erinnern und miteinander verweilen.

So lädt die Künstlerin dazu ein, Verletzlichkeit aufgrund eigener Erfahrungen mit Gewalt in Beziehungen und schwieriger Mutterschaft zu teilen, ohne sie zu besitzen. Schönheit wird zu einer zarten Geste des Erinnerns – behutsam, achtsam und zutiefst menschlich.

Gelbe Briefe, 2026
Papier, Pappe, Metall
29,7 × 21 cm, 194 Seiten

Die Künstlerin arbeitet mit unterschiedlichen Medien und erschafft mit der Ausstellung „Ghosts of Trauma“ einen Raum des Nachhalls ̶ einen Ort, an dem die Vergangenheit nicht schreit, sondern leise weiteratmet. Es ist eine Erzählung von erlebten Ängsten und Gewalt, von dem, was sich im Körper eingeschrieben hat und in der Stille fortbesteht. Reschetnikov wendet sich ihren eigenen Narben zu: Schicht für Schicht löst sie feine Fäden aus dem Schmerz, bis aus dem Verletzten neues Material entsteht ̶ zerbrechlich, wahrhaftig, lebend. Die Ausstellung ist eine Einladung, in diese Lebenserfahrung einzutauchen, den leisen Nachklängen des Schmerzes zu lauschen, aus denen langsam Schönheit erwächst. Das Buch Gelbe Briefe bildet den Ausgangspunkt der Ausstellung. Es enthält die Bürokratie des Erlebens ̶ die nüchterne Sprache der Dokumente, in denen institutionelle Dominanz detailliert beschrieben wird. Darin sind sämtliche Briefe aus dem Gerichtsverfahren versammelt, die das Ausmaß und die Komplexität der Ereignisse vermitteln. Dieses Archiv öffnet den Zugang zu Christinas Welt und lädt dazu ein, in einen Raum des Mit-Seins einzutreten, in dem sich die Blicke und Empfindungen der Künstlerin und der Betrachtenden im Ausstellungsraum kreuzen, und zu etwas Gemeinsamen verbinden ̶ zu dem Unfassbaren und Vergessenen. Es ist eine Einladung, jene Gefühle zu teilen, die tief in uns ruhen und selten Worte finden 

Painful scars, 2026
Mischtechnik-Zeihnungen mit Epoxidharz
10 * (19 × 19 cm)


Die hat einfach nur viele Ängste, 2026 
Acryl, Kohle und Epoxidharz auf Metall, Plastikvorhang,
200 × 87 cm

Siehst du dich selbst ‒ wirklich? Oder ist deine Persönlichkeit unter dem Gewicht angesammelter traumatischer Erfahrungen verloren gegangen? In dieser Arbeit zeigt die Künstlerin einen Spiegel, der seine Essenz eingebüßt hat. Er ist kein Spiegel mehr, sondern nur noch eine verzerrte Parodie seiner selbst. Nicht eine verfälschte Wiedergabe der Wirklichkeit, sondern deren Abwesenheit ‒ eine leere Hülle dessen, was ein Spiegel einst war. Wie oft stoßen wir, wenn wir versuchen, uns selbst zu erkennen, nicht auf ein Bild, sondern auf übereinandergelegte Spuren der Vergangenheit? Und wie sehr raubt uns das die Möglichkeit, unsere eigene Identität zu begreifen? Diese zerstörerische Präsenz begleitet jedes Erwachen. Immer wieder versuchen wir zu fliehen: diesen Riss im Innersten zu verbergen, zu vergessen, aus den Tiefen des Unterbewusstseins zu verdrängen. Doch das ist unmöglich. Erlebte Erfahrungen verschwinden nicht. Sie werden zu stillen Begleitern von Gegenwart und Zukunft, zeichnen sich in den Konturen des Charakters ab und klingen in jeder getroffenen Entscheidung nach. Sie sind wie ein Schatten, der unaufhörlich an unserer Seite bleibt. Oder wie ein Bild, das selbst durch den dichtesten, dunkelsten Schleier des Unterbewusstseins hindurchscheint 

Mother and Child, 2026
Draht, Polyurethanschaum hart, Acryl, Variable Grösse